Sauer macht lustig

Dieser Artikel erschien in den MIBA-Heften 10 & 11/2000. Spätere Aktualisierungen, z.B. wegen neuer Modelle, sind rot gekennzeichnet. Letzte Aktualisierung: 22. August 2013.

Zu den Aufgaben, die die Eisenbahnen mit der beginnenden Industrialisierung übernehmen mussten, gehörte auch der Transport von Chemikalien; besondere Vorkehrungen waren dabei aus naheliegenden Gründen für die Beförderung ätzender oder giftiger Substanzen zu treffen. So entstanden schon früh Spezialfahrzeuge für diesen Zweck: Säuretopf-, später dann auch Säurekesselwagen und andere Spezialkesselwagen. Man spricht zwar allgemein von Säuretopf- bzw -kesselwagen, mit Fahrzeugen dieses Typs werden aber auch andere aggressive Substanzen befördert, konzentrierte Laugen z.B. oder stark oxidierende Chemikalien wie Wasserstoffperoxid (H2O2). Zu den Säuren, deren Transport Spezialfahrzeuge erfordert, gehören insbesondere Schwefelsäure, Oleum, Salzsäure, Salpetersäure, Flusssäure und Phosphorsäure - übrigens fast ein Monopol der Bahn, denn die meisten dieser Substanzen dürfen aus Sicherheitsgründen nicht auf der Straße reisen. Und darüberhinaus gibt es jede Menge andere Stoffe und Chemikalien, deren Transport wegen Ihrer Aggressivität, ihrer Reaktions­bereitschaft oder ihrer Giftigkeit besonderen Fahrzeugen vorbehalten bleibt, dazu gehören u.a. Chlor, Brom und Schwefel­dioxid, aber auch z.B. metallisches Natrium. Die behandeln wir hier gleich mit, insbesondere im Bildteil! Auf den MIBA-Artikel hin kam ein Leserbrief, der sich akribisch damit auseinandersetzte, dass Chlorgas keine Säure sei - nicht dass ich sowas auch noch als Imehl bekomme....

Säuretopfwagen

Dass Steingut selbst den stärksten Säuren widersteht, war schon den Alchimisten bekannt. Wahrscheinlich wurden schon vor der Erfindung der Eisenbahn Steinguttöpfe für die Beförderung ätzender Chemikalien benutzt. Anfangs verlud man die Steinguttöpfe selbst auf offene oder gedeckte Wagen; bald aber beließ man die Töpfe dauernd auf den Fahrzeugen, und der Säuretopfwagen war geboren. Da diese Töpfe nun nicht mehr einfach ausgegossen werden konnten, musste man sie mit Druckluft entladen; jeder Topf hat daher zwei Anschlüsse, einen blau gekennzeichneten zum Einblasen der Luft, einen roten, aus dem die Säure herausgedrückt wird. Ein Topf hatte ein Fassungsvermögen von 800 bis 1200 l, 8 bis 14 Töpfe standen auf einem Wagen.

Für die Konstruktion der Säuretopfwagen galten Abnahmevorschriften, die gewisse bauliche Sicherheitsvorkehrungen verlangten. Der Boden der Wagen musste aus Holzbrettern mit Nut und Feder bestehen und zu den Längsseiten des Wagens hin geneigt sein, um übergetretener Säure das Abfließen zu ermöglichen. Der Boden wurde mit Asphalt gestrichen, darauf war ein Lattenrost zu legen. Es waren Abflusslöcher mit Bleirohren vorgeschrieben, die so lang sein mussten, dass die Beschädigung von Fahrzeugteilen, etwa der Bremseinrichtungen, ausgeschlossen war. Die Töpfe wurden unten durch geteerte Holzstücke so gehalten, dass sie sich auf keinen Fall verschieben konnten. Oben nahm die Kräfte ein stählernes Haltegestell auf, das auch die Laufplanke für die Bedienung trug. Die Fugen zwischen Topf und Gestell wurden durch verstellbare Holzklötze so ausgeglichen, dass sich die Töpfe keinesfalls bewegen konnten. Später galt noch die Vorschrift, dass die Stirnwände des Wagen einen Meter über die Töpfe hinwegreichen musste; so wurde in jedem Fall vermieden, dass bei Rangierstößen oder Unfällen Säure auf die nächsten Wagen schwappen konnte. Säuretopfwagen waren immer sogenannte Vorsichtswagen, d.h. sie hatten stets eine Handbremse, und man durfte sie nicht abstoßen oder ablaufen lassen.

Die Reinigung der Töpfe war natürlich mit großen Schwierigkeiten verbunden, daher wurde mit einem Wagen normalerweise immer ein und dieselbe Chemikalie befördert, da sonst die Gefahr der Verunreinigung oder gar unkontrollierter chemischer Reaktionen bestanden hätte. Das Ladegut war am Wagen angeschrieben. Die pauschale Anschrift "Säuren und Laugen" am Modell von FLEISCHMANN ist daher mit ziemlicher Sicherheit falsch, zumindest für die Epoche II und einen Privatwagen einer chemischen Fabrik. Erst die Vermietgesellschaften der Epoche III wie die VTG, die ihre Wagen auch hinsichtlich der Transportgutes freizügig halten wollten, legten sich da nicht fest - um den Preis einer aufwändigen Reinigung zwischen den Vermietungen, wenn das Ladegut gewechselt wurde.

In der DDR wie im ganzen Osten haben die Säuretopfwagen übrigens sehr viel länger überlebt als bei uns, sie waren bis 1990 noch in Betrieb. Da sie den RIV-Bestimmungen nicht mehr genügten (siehe MIBA 12/98), gehörten sie zu den wenigen Wagen, die nur das MC-Zeichen trugen.

Säurekesselwagen

Die Beförderung ätzender Flüssigkeiten in Steinguttöpfen war, wie die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen zeigten, nicht ganz ungefährlich, das Be- und Entladen zeitraubend, und so suchte man schon früh nach Alternativen. Dem kam entgegen, dass das Reaktionsprodukt mancher Säuren mit bestimmten Metallen so hart und stabil ist, dass es dem weiteren Angriff der Säure standhält. Am bekanntesten ist dieser Effekt, den man Passivierung nennt, bei Schwefelsäure und Blei. So verwundert nicht, dass der älteste nachgewiesen Säurekesselwagen (und einer der ältesten Kesselwagen überhaupt), ein sächsisches Fahrzeug von 1860, Schwefelsäure in zwei Bleitanks beförderte, wobei wegen des hohen Gewichts und der geringen Härte des Bleis, die dicke Wände erfordert, die Kessel recht klein waren. Eisen zeigt ebenfalls einen Passivierungseffekt unter konzentrierter Schwefelsäure, und so waren die ersten richtigen Säurekesselwagen allesamt für den Transport dieser Säure gedacht. Salzsäure ließ sich etwa ab 1900 in Kesseln befördern, dann nämlich konnte man die Behälter mit Gummi auskleiden, das Salzsäure widersteht.

Zwischen den Weltkriegen war dann die Aluminiumindustrie entstanden; da dieses Metall den vorgenannten Passivierungseffekt unter Salpetersäure zeigt, entstanden nun Fahrzeuge mit Aluminiumkesseln. Aluminium lässt sich nicht mit Stahl verschweißen, und so wurden die Kessel durch Zugbänder auf den Untergestellen gehalten, was den Wagen ein typisches Aussehen verleiht. Alle diese älteren Kesselwagen hatten keine Auslaufvorrichtung, sondern wurden wie die Töpfe mittels Druckluft entladen. Manche Chemikalien, z.B. Flusssäure oder Brom, dürfen auch heute noch laut den Sicherheitsvorschriften überhaupt nur in Kesseln befördert werden, die keine Ventile unterhalb des Flüssigkeitsspiegels aufweisen. Heute tragen Kesselwagen, die mit Druckluft entladen werden, oft die Aufschrift "AIR".

Die alten Technologien werden auch heute noch unverändert für den Bau von Kesselwagen genutzt. Allerdings kann man jetzt auch Kessel aus Edelstählen herstellen, die allen Säuren und Laugen gleichermaßen standhalten, diese Kessel sind universell einsetzbar, was lange Standzeiten vermeiden hilft; aber solche Fahrzeuge sind andererseits sehr viel teurer in der Anschaffung, und die bei einem Wechsel des Ladegutes erforderliche Reinigung ist gefährlich und umweltbelastend. Man erkennt diese Wagen daran, dass an ihnen nicht eine bestimmte Säure, sondern pauschal "Säuren", "Säuren und Laugen" oder "ätzende Chemikalien" als Ladegut angeschrieben steht. Heute ist die Anschrift des Ladegutes, wie Abb. 26 zeigt, noch allgemeiner gehalten: "Entzündbare, ätzende, giftige Flüssigkeiten gemäß Tankart ....", so dass sich also erst anhand eines Verzeichnisses der Tankarten bestimmen lässt, wofür der Wagen geeignet ist und wofür nicht. Im übrigen gilt auch für die Kesselwagen das oben für die Säuretopfwagen gesagte: Vermietgesellschaften legen sich hinsichtlich des Ladegutes möglichst nicht fest, private Einsteller (oder langfristige Mieter) von Kesselwagen transportieren immer dasselbe und können das Ladegut genau angeben, das zeigen auch die Vorbildaufnahmen.

Was im Einzelfall tatsächlich gerade im Kessel ist, wird heute wie auch bei Straßenfahrzeugen durch die orangenen Warntafeln mitgeteilt. Die obere Zahl, die sog. Kemlerzahl, gibt die Gefahrenart an, die bei Säurekesselwagen meist "80" ist; die "8" steht für "ätzend", gegebenenfalls verdoppelt für "besonders ätzend", die "0" verkündet, dass das die einzige Gefahr ist. Die untere Ziffernfolge, die UN-Nummer, verschlüsselt das Ladegut, "1789" z.B. steht für Salzsäure.

Im allgemeinen erkennt man zumindest ältere Säurekesselwagen auf den ersten Blick: Ihre Kessel sind kleiner als die der normalen Tankwagen der gleichen Epoche, sie fassen 150 - 220 hl gegenüber 240 - 300 hl Volumen bei den Einheitskesselwagen. Dies liegt daran, dass das spezifische Gewicht konzentrierter Säuren deutlich höher ist als das von Wasser oder gar von Mineralölprodukten, so dass zur Beförderung der gleichen Masse der Kessel kleiner sein kann. Allerdings kann man sich auf diese Faustregel nicht immer verlassen, denn da z.B. konzentrierte Schwefelsäure bei 7 °C gefriert und bei 10,36 °C wieder auftaut, hatten viele einschlägige Fahrzeuge isolierte Kessel und sogar eine Heizvorrichtung (Heizstäbe, Heizmantel, früher auch Heizwanne), die die Entladung auch bei kühlerem Wetter garantierte und den Kessel größer scheinen lässt; geheizt wird zumeist mit Wasserdampf. Natronlauge wird immer in isolierten, heizbaren Kesseln befördert.

Großserienmodelle von Säuretopfwagen

Bedenkt man, wie selten Säuretopfwagen waren, so ist ihre Beliebtheit bei den Modellbahnherstellern schon erstaunlich, und gerade in letzter Zeit war ja einen überraschender Boom an Neuerscheinungen zu verzeichnen. Dies verdanken sie sicher ihrem ungewöhnlichen und typischen äußeren, dass andererseits auch wieder viele Teile erfordert und hohe Kosten verursacht. Die Qualität der Modelle zu beurteilen ist nicht so einfach, denn Säuretopfwagen waren ebenso wie die Kesselwagen immer Privatwagen, sie entsprachen also nicht einer offiziellen Zeichnung. Das hat wiederum den Vorteil, dass man nicht zu kritisch zu sein braucht, denn möglich ist ja bekanntlich alles. Die Untergestelle allerdings waren in aller Regel nach den Bauprinzipien ihrer Zeit gebaut, und dem sollten auch die Modelle folgen.

MÄRKLIN hatte unter der Bestellnummer 4657 eine Nachbildung eines Säuretopfwagens im Programm. Dieses Fahrzeug gehört also schon zur älteren Modellbahngeschichte. Es war recht schlicht konstruiert, knallorange Töpfe leuchteten aus dem ansonsten rabenschwarzen Aufbau. Es ist unter Modellbahngesichtspunkten weniger zu brauchen. Dafür ist es ein Wertobjekt unter Sammlern, je nach Topffarbe 50 bis 150 Mark. Es erschien ohne Beschriftungstafeln auch als PRIMEX-Modell.

Bis vor einiger Zeit erhältlich war das Modell von LILIPUT, das aber auch als Privatfahrzeug wenig glaubwürdig wirkte. Auf einem modernen Untergestell mit Doppelschaken-Laufwerk thronte ein Reichsbahnbremserhaus, das man in jedem Fall entfernen oder eventuell gegen ein DB-Blechbremserhaus austauschen muss, wenn man den Wagen einsetzen will. Zwar war in den Abnahmevorschriften der DB für Privatwagen noch Ende 1963 der Abschnitt über Topfwagen enthalten, auch hat die DR noch 1966 eine Nachbauserie mit modernem Laufwerk aufgelegt, dennoch dürfte das LILIPUT-Modell vorbildlos sein; mit einer LüP von 124 mm gibt es jedenfalls das eher gedrungene Aussehen der Vorbilder nicht recht wieder - Bachmann war gut beraten, es nicht wieder auferstehen zu lassen.

Das bei weitem attraktivste von allen Säuretopfwagen-Modellen aus Serienproduktion war lange Zeit das von PIKO, das einige Zeit nur noch als Auslaufmodell verzeichnet war, im Neuheitenprospekt 1994 aber wieder neu vorgestellt wurde, diesmal mit DB-Beschriftung statt der bisherigen ostdeutschen, und mittlerweile ist es in einigen weiteren Beschriftungsvarianten erhältlich. Das Modell ist zwar von der Konstruktion her nicht mehr das jüngste (es wurde auf der Leipziger Herbstmesse 1964 vorgestellt), aber von allen Abmessungen und der Ausführung her äußerst überzeugend, und der Fertigungsstandard von PIKO war damals so hoch, dass es sich auch heute noch sehen lassen kann. PIKO hat sich auch die Mühe gemacht, Haltevorrichtung und Laufstege vorbildgemäß nachzubilden. Eine Überarbeitung des Fahrzeuges kann natürlich nie schaden; je nach Gusto kann man dabei am Fahrgestell Puffer, Bremssteller, Aufstiegs- und Rangierertritte gegen Bauteile von WEINERT austauschen, am Aufbau die etwas trapezförmigen Streben rechteckig feilen und Laternenhalter aus Messing anbringen; das Haltegestell für die Töpfe kann man aus Holzprofilen neu fertigen (oder das vorhandene überkleben). Für die Epoche III könnte man das Bremserhaus entfernen (Bretterfugen an der Stirnwand nachritzen) und durch eine offene Bremserbühne ersetzen - sofern man es schafft, das Bremserhaus ohne Beschädigung des Wagens herunterzubekommen, aber diese Umbaumühe hat einen PIKO mittlerweile auch schon abgenommen. Von wegen. Die Töpfe könnte man neu lackieren, da die von PIKO geradezu spiegelblank sind (Humbrol 70 dunkelbraun, eventuell mit 100 oder 82 aufgehellt, auch grüne Töpfe oder graue sind denkbar).

Der zweitjüngste im Bunde ist das neue Modell von FLEISCHMANN. Wie von einem Produkt aus allerneuester Produktion zu erwarten, ist die Feinheit der Streben und der Details wie z.B. der Nieten unübertroffen, da merkt man, dass die Formen des PIKO-Modells schon zwei Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Auch die Länge ist richtig: Mit einer LüP von 101 mm kommt das FLEISCHMANN den Vorbildern näher (das PIKO-Modell ist in Vergleich zu seinem Vorbild eine winzige Spur zu lang). Dafür wirkt das Modell ungewöhnlich schmal, fast schon wie ein Fährbootwagen, so dass das eher gedrungene Aussehen des Vorbildes trotz der Kürze nicht getroffen wird. (Hier kann ich's ja laut sagen bzw. deutlich schreiben: Das FLEISCHMANN-Modell ist leider, leider misslungen!) Des Rätsels Lösung: Es fehlt der Laufsteg, der für die Bedienung der Töpfe unabdingbar ist, und Aufstiegsleiter - das alles muss man in jedem Fall irgendwie nachrüsten, so dass m.E. das PIKO-Modell immer noch nicht entthront ist. Und die Anschrift "Säuren und Laugen" bedarf, wie schon gesagt, einer Berichtigung.

Angesichts dieser üppigen Historie konnte die Zittauer Firma SACHSENMODELLE nicht zurückstehen, auch hier erschien jetzt das angekündigte Modell. Es stellt eine Ausführung mit 10 Töpfen dar, die allerdings ziemlich weit auseinanderstehen, das Fahrzeug ist daher nicht kürzer als das von FLEISCHMANN, offensichtlich wurde das bekannte Kesselwagen-Fahrgestell verwendet, was sich natürlich günstig auf den Preis ausgewirkt haben dürfte. Das Modell aus Sachsen wiederum hat, wie vorgeschrieben, Aufstiegsleiter und Laufstege, die Preiserlein bekommen also keinen Ärger mit der Berufsgenossenschaft, wenn sie dies Fahrzeug entladen. Töpfe, Haltegestell und Steg sind, ebenfalls kostensparend, in einem Stück gespritzt, das Fahrzeug hat also ein recht gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Man sollte das Gestell farblich von den Töpfen absetzen und das ganze Ensemble matt oder seidenmatt lackieren, damit die Töpfe ihren Spiegelglanz verlieren. Als Ladegut ist "Säuren" angeschrieben, was mir aus den bereits genannten Gründen weniger gefällt. Aber da - siehe PIKO - Säuretopfwagen ebenso wie Kessel­wagen Beschriftungs­varianten heraus­fordern, kann man ja noch hoffen.

Anfang 2009 erschien von MÄRKLIN und TRIX ein neuer Säuretopfwagen. Die Abmessungen sind mit denen des PIKO-Modells identisch. Hinsichtlich der Ausführung ist der dem über 40 Jahre (!) älteren Kollegen von PIKO natürlich überlegen. So dass man - Stand von heute, 2013 - bei allem Respekt vor PIKOs Verdiensten feststellen muss, dass das MÄRKLIN/TRIX-Modell das derzeit beste ist.

Kleinserienmodelle von Säuretopfwagen

Auch die Kleinserienhersteller haben sich immer wieder durch die Säuretopfwagen herausgefordert gefühlt. Da gab es einmal eine Bausatzpackung von RAIMO, aus der sich gleich zwei Säuretopfwagen basteln ließen, einer nach bayrischem, der andere nach eher späterem Vorbild. Diese Bausätze sind schon lange nicht mehr erhältlich, aber wir erinnern dennoch gern an sie, weil sie einen Markstein in der Modellbahngeschichte darstellten: Wenn jemals ein Bausatz nach dem Prinzip "oben hui, unten pfui" gefertigt war, dann dieser. Die Aufbauten aus Weißmetallguss waren gut detailliert und passgenau. Das Fahrgestell hingegen bestand aus einer grob gravierten Grundplatte mit angespritzten Puffern, an die seitlich die Langträger mit den Achshaltern angeklebt wurden. Diese Teile waren stets so verzogen, dass man sich entscheiden musste, an welchem Ende man die Achshalter gerade haben wollte, am anderen standen sie mit Sicherheit schief. Man musste bei diesen Bausätzen also, um ein brauchbares Modell zu erhalten, ein fremdes Fahrgestell untersetzen, was angesichts des hohen Preises der Bausätze kaum mehr hinnehmbar war. Außerdem fehlte auch hier das Haltegestell für die Töpfe. Dennoch, tauschte man das Fahrgestell aus und fertigte das Haltegestell aus Messing oder Polystyrol an, erhielt man recht ansprechende Modelle.

Heute noch erhältlich und von ganz anderer Art ist der Bausatz von BAVARIA (Nr. 2.03). Er besteht vollständig aus geätzten oder gegossenen Messingteilen. Nach der Montage, die durch die Bauanleitung in einigen Punkten eher erschwert als erleichtert wird, hat man ein wunderschönes Modell eines bayrischen Vorbilds auf dem Gleis stehen. Bei diesen älteren Fahrzeugen war das Bremserhaus nicht vorm Aufbau angebracht, sondern stand statt eines Topfes im Wagen, und die Tür schlug nach vorne auf. Die Bremsanlage ist komplett - fast funktionsfähig - nachgebildet, schließt allerdings die Räder kurz, wenn man sie vorbildgerecht nahe am Radreifen anbringt, zumal die Bremsklötze tatsächlich beweglich in den Hängeeisen gelagert sind! (Ich habe sie durch Kunststoff-Bremsklötze von einem LILIPUT-Omm ersetzt, die wegen der fehlenden Hängeeisen ohnehin "übrig" waren.)

Mittlerweile (etwa 2002) ist auch das lange angekündigte Modell eines Schweizer Säuretopfwagen bei BORN erschienen.

Modelle von Säurekesselwagen

Das Modell eines modernen Vorbildes hat ROCO im Programm. Modern heißt hier, dass solche Wagen etwa ab den 50er Jahren gebaut worden sind. Als Variante kann man mit einem Handgriff die Ablaufarmaturen entfernen, denn auch viele neuere Kesselwagen werden mittels Druckluft entladen. 1992 erschien er auch mit der älteren Ausführung der VTG-Emblems. Der Wagen hat allerdings keine Auffangrinne, wie sie die allermeisten Säurekesselwagen aus Sicherheitsgründen aufweisen. Mit ein paar Stücken Polystyrolstreifen bzw. Rundstab läßt sich dem aber zur Not abhelfen.

Ein Modell nach einem älteren Vorbild bot PIKO/PREFO. Dies Fahrzeug hat einen sehr schönen, aus zwei Schalen zusammengenieteten eisernen Kessel. Solche Kessel dienen vor allem der Beförderung von Schwefelsäure und Oleum, und diese Ladegutangaben sind auch werksseitig vertreten. Das Fahrgestell jedoch wies zu PIKO-Zeiten einige Mängel auf. Die Achsen waren in einem Blechrahmen gelagert, auf die die Nachbildung der Lagergehäuse, der Federn und der Schaken aufgesetzt war. Da sich Achshalterbleche, Beschwerungsplatte und Beschriftungstafeln gegenseitig im Wege waren, klaffte zwischen Rahmen und Federböcken ein dicker Spalt, den man, wenn man die Modelle aus alter Produktion aufarbeiten will, wie folgt verschwinden lassen kann: Modell auseinandernehmen. Achslagerbleche so beschneiden, dass sie sich auch bei montiertem Kessel bis zum Anschlag im Rahmen hochschieben lassen. Schraubt man das Modell nun ohne das Beschriftungsblech zusammen, sitzen die Federböcke direkt unterm Rahmen. Das Blech mit der Beschriftung muss nun abgetrennt und stumpf auf dem Rahmen aufgeklebt werden. Bremserbühne und Bedienungssteg auf dem Kessel kann man ggf. durch eine Neuanfertigung ersetzen.

Der alte Säurekesselwagen ist jetzt von SACHSENMODELLE wieder zu haben, und zwar mit einem völlig neuen Fahrwerk, so dass die oben beschriebene Herrichtung entfallen kann. Außerdem ist er auch mit einem schwarzen Kessel und mittlerweile in zahlreichen weiteren Farb- und Beschriftungsspielarten angeboten worden, einige davon überzeugender als andere. So sollte man Hinweise auf die Beheizbarkeit des Kessels entfernen. Dieser Typ von Kessel wurde allerdings auch zusammen mit einer Heizwanne verwendet, das wäre eine Variante, die zu produzieren dem Hersteller nicht allzu schwer fallen sollte.

Das neueste derartige Fahrzeug ist der Chlorkesselwagen von KLEIN. Die Abdeckung über den Armaturen, die für Chlor, Brom u.ä. Chemikalien vorgeschrieben ist, hebt ihn bei Vorbild und Modell aus dem Einerlei der Kesselwagen heraus.

Ein weiteres wunderschönes Modell ist ebenfalls zu nennen: ELECTROTREN bietet einen exzellent gestalteten modernen vierachsigen Säurekesselwagen an, der keinerlei Wünsche offenlässt - bis auf die Beschriftung, die nämlich bei den meisten der vielen lieferbaren Varianten "entzündbare flüssige Stoffe" o.ä. als Ladegut angibt (offensichtlich verkaufen sich Tankstellenlogos gut). Der relativ geringe Durchmesser des Kessels, Auffangrinne und Ableitrohr sind aber untrügliche Kennzeichen eines Waggons für ätzende Chemikalien! Es gibt aber auch brauchbare Versionen, nämlich die spanischen: "Acido fosfórico" steht dort als Ladegut angeschrieben.

Von ROCO werden ebenfalls Modelle modernerer vierachsiger Säurekesselwagen angeboten, die alle das gleiche (vorbildgetreue) Fahrgestell mit Innenrahmen benutzen. Das eine trägt einen isolierten Kessel für Natronlauge, das andere einen Kessel für Schwefeldioxid, letzterer wäre auch für Chlor oder Flusssäure geeignet.

Kleinserienmodelle sind ebenfalls erhältlich, und zwar von der Schweizer Firma BORN, eine Nachbildung eines eidgenössischen Vorbildes. Es ist aus Messing gefertigt und auch als Bausatz erhältlich, allerdings auch, wohl wegen der kleinen Auflage, nicht ganz billig. Angekündigt hat BAVARIA ein Modell eines Wagens mit zwei kleinen Kesseln nach einem offensichtlich recht frühen Vorbild - siehe Messebericht 1998. Tatsächlich erschienen ist dann aber einer mit einem Kessel, siehe Abbildung unten. 2012 habe ich von BAVARIA das Modell eines preußischen Schwefelsäre-Kesselwagens bekommen.

Angesichts des so gut wie kompletten Angebotes an Behältertragwagen sei zum Schluss noch darauf verwiesen, dass es auch pa-Behälter für den Transport ätzender Chemikalien gab (Abb. 18, siehe auch MIBA 10/96)

2009 ist das Jahr zweier Neuerscheinungen: Bei SAGI gibt es einen Wagen mit zwei Kesseln für Salpetersäure. Januar 2010 ist der von BRAWA angekündigte sechsachsige Kesselwagen erschienen, ein wahres Supermodell. Allein die Drehgestelle! Hier sieht man, was möglich ist, wenn man die Achslänge auf 23 mm verkürzt. Als Ladegut ist übrigens Natronlauge angeschrieben.

Betriebliches

Dem Transport von "Chemikalien" auch auf Ihrer Modellbahnanlage steht also nichts entgegen, Fahrzeuge aller Epochen sind typisch vertreten, höchstens einen älteren vierachsigen Säurekesselwagen der Epoche III-V oder einen Alukesselwagen der Epoche II/III könnte man sich noch wünschen. Angesichts der Vielzahl vorhandener Fahrzeuge sollte es sich für einen Schriftenhersteller lohnen, Schilder mit den verschiedenen möglichen Ladegütern herauszugeben, um eine Umbeschriftung zu erleichtern. Als "Kunden" am Ladegleis kommen natürlich chemische Fabriken aller Art in Frage, Schwefelsäure ist die wichtigste technische Säure überhaupt und wird z.B. bei der Herstellung von Farbstoffen, Textilien oder Düngemitteln verwendet; auch metallurgische Betriebe sind mögliche Abnehmer. Wer so vernarrt in Säurekessel-und -topfwagen ist wie der Autor, wird daran denken, die Herstellung von Modellsäure auf der Anlage zu installieren. Schwefelsäure wird aus Schwefel oder aus Gips gewonnen, die natürlich auch angefahren werden müssen. Noch höher geht's, was den Säuretransport betrifft, bei der Produktion von Salz- oder Salpetersäure oder auch Wasserstoffperoxid her, weil zu deren Herstellung Schwefelsäure erforderlich ist, so dass man eine Anzahl Wagen je zum Antransport der Schwefelsäure wie zum Abtransport des Endproduktes benötigt. Wobei nochmals darauf hinzuweisen ist, dass die Säurewagen nur für jeweils eine Chemikalie benutzt werden können (jedenfalls nicht ohne Zwischenreinigung), also die entladenen Wagen nicht wieder für die Beladung am gleichen Ort bereitgestellt werden. Auch für die zuletzt genannten Produkte ist die Anfuhr von Mineralien als Ausgangsstoff erforderlich (Kochsalz für Salzsäure, Salpeter oder Nitrate für Salpetersäure), wobei vor allem K- oder KKt-Wagen beschäftigt werden können. Und Kohle, Koks oder Heizöl für die Prozesswärme oder einfach zum Heizen werden auch gebraucht - an Verkehr also kein Mangel!

Beschriftungen (Nachtrag)

Da geht es dann allerdings schon mal drunter und drüber. Als Beispiel sei das FLEISCHMANN-Modell mit dem kleinen, etwa 110 hl fassenden Kessel, Bestellnummer 5440. Ein Kessel dieser Größe dient zum Transport von Schwefelsäure oder Oleum, siehe den bekannten SACHSENMODELLE-Kesselwagen. So ist auch eine Variante, die Nr. 5440 01, beschriftet, eine ÖBB-Version. Es gibt dann weiter eine sehr hübsche Ausgabe der DYNAMIT NOBEL AG. Da steht Natronlauge dran. Natronlauge wird in isolierten und beheizbaren Kesseln befördert. Bei einer weiteren Version steht Chlor dran, auch Unfug, Chlor ist ein Gas, und es wäre nicht sehr ökonomisch, dafür so einen kleinen Kessel zu verwenden. Außerdem fehlt dafür die Abdeckung des Domes, siehe die KLEIN-Chlorkesselwagen, und die Entladearmaturen sind zu viel. Eine weitere ÖBB-Version transportiert "Laugen", nicht ausgeschlossen, aber auch nicht wahrscheinlich. Brom wäre eine glaubwürdige Variante, wenn man die Entladevorrichtung entfernt (Kessel für Brom dürfen keine Öffnungen unterhalb des Flüssigkeitsspiegels haben.)

Übersicht Vorbildfotos
150312
Schwefelsäure
155129
Salzsäure
138927
Flusssäure
138853
Schwefeldioxid
169132
Natronlauge
172006
Flüssiger Phosphor
172004
Flüssiger Phosphor
166130
Wasserstoffperoxid
236908
Giftig & ätzend
173711
Wasserstoffperoxid
139001
Schwefelkohlenstoff
161521
Natriumcyanidlauge
196709
Natronlauge, 4-achsig
196726
Wasserstoffperoxid, 4-achsig
196725
Säurekesselwagen, 4-achsig
175019
PKP-Kesselwagen Natronlauge
CSD Methanol
130005
Geschmolzener Schwefel
Chlorkessel
Chlorkesselwagen
Chlorkessel
Chlorkesselwagen
202228
Natrium
COSFER
Siliziumtetrachlorid
Kesselwagenanschluesse
Kesselwagenanschlüsse
241732
Formaldehyd
241731
Edelstahl-Kesselverkleidung
236908
38/2924
88/2922
Salpetersäure
186731
Natronlauge 4-achsig
165907
Chlorkesselwagen 4-achsig
215604
Schwefelsäure
205424
Phosphortrichlorid
262117
Natriumdisulfitlauge
L1000964
Braunkohlenstaub
247522
Salzsäure
Heizwanne
Essigsäure
155331
Salz- oder Ameisensäure
2263_0
Oleum
Oleum
L9921858
Argon
L9921802
Schwefelsäure
247521
Schwefeldioxid
Fotoindex Modelle von Säuretopfwagen, Säurekesselwagen, Spezialkesselwagen
L5850593
MÄRKLIN
L5840485
KLEINBAHN
L5850497
FLEISCHMANN
L5850630
LILIPUT
L5850654
RAIMO
L9900084
PIKO 6/5454/010
L9900083
PIKO 6/5454/090
L5850555
PIKO 54250
L5850560
PIKO 54252
L5850561
PIKO 54253
L5850550
PIKO 54255
L5850561
PIKO 54257
L5850499
PIKO 54920
L5850500
PIKO 54921
L5850500
PIKO 54922
L5850501
PIKO 54923
L9910019
PIKO 95015
L1000751
PIKO 95456
L1000853
PIKO 95587
L5850595
PIKO "modernisiert"
L5850531
MÄRKLIN
L5890009
TRIX
L5850665
BORN
L5850534
SACHSENMODELLE 16140
L5850503
SACHSENMODELLE 16220F
L5850537
SACHSENMODELLE 76350
L5840264
SACHSENMODELLE 76455
L9890325
BAVARIA
L9921078
PIKO 54924
L9920391
ELECTROTREN
L5850573
SACHSENMODELL 16041
L5850502
SACHSENMODELL 16043
L5850571
SACHSENMODELL 16146
L5850551
SACHSENMODELL 16179
L5850655
SACHSENMODELL 16228
L5850504
ROCO
L1000862
KLEIN
L1000864
KLEIN
BORN
L9890270
BAVARIA
L5850540
Karbidwagen MÄRKLIN
L5850566
Chlorwagen FLEISCHMANN
L5850658
Kohlensäurewagen Bilger
L1000783
Kohlensäurewagen KRÜGER
L1000734
Kohlensäurewagen BRAWA
L5850639
FLEISCHMANN
L5850564
FLEISCHMANN
L9920229
FLEISCHMANN
L9920272
SAGI
L19920412
BRAWA
L9920517
Chlorkesselwagen MÄRKLIN
Chlorbenzol (ROCO)
L9920817
FLEISCHMANN
L9921154
MÄRKLIN
L9940008
MÄRKLIN
L9940192
ACME
L9940199
FLEISCHMANN für PKP
L9970078
BAVARIA